22.09.2020 13:58

Kreis Lippe. Mädchen und Jungen erlebten systematische Erniedrigungen, sie wurden drangsaliert, mit Tabletten ruhig gestellt, harte Strafen waren an der Tagesordnung: Was sich zwischen den 1950er und 1990er Jahren in zahlreichen Kindererholungsheimen in der Bundesrepublik abgespielt hat, belastet die Betroffenen bis heute. Doch erst jetzt beginnt allmählich die Aufarbeitung dessen, was zahlreiche sogenannte Verschickungskinder erlitten haben.

Auf Einladung der SPD-Landtagsfraktion waren mehrere Betroffene aus NRW in Düsseldorf zu Gast und berichteten den Abgeordneten von ihren schlimmen Erlebnissen. Tausende Mädchen und Jungen waren von 1950 an bis in die 1990er Jahre hinein in Kinderkuren oder Kinderheilstätten geschickt worden, weil sie aus Sicht der Erwachsenen gesundheitliche Probleme hatten. Rund 1400 Heime gab es in der Bundesrepublik, 177 in NRW. Anstatt Hilfe zu bekommen, mussten viele Kinder Berichten zufolge an zahlreichen Orten wochenlang durch die Hölle gehen. Gewalt, Erniedrigungen, Einschüchterungen, Drangsalierungen oder das Verabreichen von Medikamenten sei vielerorts die Regel gewesen, berichteten die Betroffenen den SPD-Abgeordneten. Eine Anerkennung dieses Leids gibt es bisher nicht. Und genau dafür setzt sich etwa die Opfer-Initiative Verschickungskinder ein. Sie fordern eine stärkere geschichtliche Aufarbeitung dieses dunklen und öffentlich bislang eher wenig thematisierten Kapitels sowie finanzielle Hilfe für den Aufbau einer Anlaufstelle für Betroffene.

Unterstützung bekommen sie dabei von der SPD-Fraktion. Denn einen entscheidenden Anstoß zur Aufarbeitung der Schicksale der Verschickungskinder hat in NRW der SPD-Landtagsabgeordnete und familienpolitische Sprecher seiner Fraktion, Dr. Dennis Maelzer, gegeben. Eine Bürgerin aus seinem Wahlkreis hatte ihm davon erzählt, was sie damals als Kind in den Erholungsheimen erlebt hatte. Daraufhin hatte Maelzer angefangen zu recherchieren und war auf immer mehr Schicksale gestoßen. Darüber hinaus hatte der Abgeordnete eine Kleine Anfrage an die Landesregierung gestellt, was über die Verschickungskinder bekannt ist. Ergebnis: äußerst wenig.

Das soll sich ändern, weshalb es nun das Treffen mit Betroffenen auf Einladung der SPD im Landtag gab. „Wir setzen uns für eine parlamentarische Initiative ein, um die Aufarbeitung voranzutreiben“, sagt Maelzer. „Die Opfer in NRW müssen gehört werden. Sie brauchen unsere Unterstützung bei der Vernetzung. Das können wir den Betroffenen nicht allein überlassen. Und wir müssen die Strukturen kritisch hinterfragen, die von diesem System profitiert haben“, kündigt Maelzer an. Leider habe der Staat ganz offensichtlich bei der Aufsicht versagt und zugelassen, dass kleine Kinder Gewalt und Drangsalierungen erleben mussten. Neben der parlamentarischen Aufarbeitung gehe es auch um die Verantwortlichkeit. „An vielen Stellen ist weggeschaut worden. So etwas darf sich nie wiederholen“, sagt Maelzer.

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