19.05.2020 11:13

Die Corona-Krise ist für viele Menschen eine Phase der Isolation. Kinder trifft dies besonders hart. Sie brauchen den Kontakt und das Spiel mit anderen Kindern für ihre Entwicklung. Sie brauchen Bewegung, Lernangebote und individuelle Förderung. Der Zugang zu frühkindlicher Bildung ist ein Kinderrecht, für das der Staat sich verbürgt hat. Kinder und Familien erleben derzeit, wie viele Lebensbereiche sich rasch, manche sagen zu rasch, wieder normalisieren. Für die Lebensrealität vieler Kinder und Familien gilt das hingegen nicht. Der nordrhein-westfälische Familienminister Joachim Stamp (FDP) profilierte sich lange als rascher Lockerungsbefürworter bei der Debatte um ein Rückkehrrecht der Kinder in die #Kitas und die Tagespflege. Als sich jedoch Anfang Mai die Chance ergab, als Land eigenverantwortlich über Rückkehrschritte zu entscheiden, blieb sein Stufenplan in den Kinderschuhen stecken. Lediglich für Vorschulkinder und Kinder mit Behinderungen gab es einen Plan. Die große Mehrheit wartet weiter auf eine Perspektive. Für kommunikatives Chaos sorgte der Minister zusätzlich, als er in einer Pressekonferenz die Möglichkeit einer Kita-Rückkehr von zwei Tagen bis zum Sommer nannte. Die Verzweiflung vieler Familien brach sich danach in Demonstrationen und einer Flut an Emails und Zuschriften Bahn. Auch die spätere Relativierung, die zwei Tage seien ja nur als „Worst-Case-Szenario“ zu verstehen gewesen, konnte nicht beruhigen, denn ein Rückkehrplan für alle Kinder lässt weiter auf sich warten.

Verschiedene Wege wurden bereits ins Spiel gebracht. So könnte ein rollierendes System mit zeitversetzten Betreuungszeiten eine Zwischenlösung darstellen. Vernachlässigt wurde vom bevölkerungsreichsten Bundesland, sich ein Beispiel an anderen Ländern zu nehmen. Dabei könnte ein Blick nach Norden hilfreich sein. In den dortigen Bundesländern gibt es deutlich konkretere Szenarien, wie der Zugang zu frühkindlicher Bildung allen Kindern wieder ermöglicht werden kann. So ist in Hamburg unter der Sozial- und Familiensenatorin Melanie Leonhard (SPD) ein Stufenplan erarbeitet worden, der bereits 4-Jährigen eine konkrete Rückkehrperspektive eröffnet.

In Mecklenburg-Vorpommern, dem Bundesland, das von der ehemaligen Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig regiert wird, geht man noch einen Schritt weiter. Bereits ab dem 25. Mai erfolgt der Übergang für alle Kinder in die Kindertageseinrichtungen. Die Kinder von Berufstätigen sollen dabei mindestens im Umfang von 6 Stunden betreut werden. Diese Maßnahme erfolgt zusätzlich zur weiter bestehenden Notbetreuung. Zu dem Konzept gehört neben der Einhaltung von Hygienestandards eine strikte Trennung der Gruppen. Dies ist zur Überprüfbarkeit von Infektionsketten wichtig. Mit diesem Konzept ist ein Einstieg in eine im Umfang reduzierte Regelbetreuung verbunden.

Daran könnte sich auch Nordrhein-Westfalen orientieren. Dabei muss auf einen flexiblen Rahmen geachtet werden. Die unterschiedlichen Kapazitäten vor Ort müssen ausgeschöpft werden können. Dafür muss das Land den Trägern verbindliche Handlungsanweisungen geben. Alle brauchen jetzt Ordnung, Orientierung und Struktur. Offene- und teiloffene Konzepte werden zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht wieder möglich sein. Viele Erzieherinnen und Erzieher gehören zu Risikogruppen und können nicht eingesetzt werden. Gleichzeitig gibt es in unserem Kita-System Erzieherinnen in Teilzeit. Ihnen sollte die Aufstockung ermöglicht und den Trägern der finanzielle Mehrbetrag erstattet werden. Die Arbeit in der frühkindlichen Bildung bleibt auch unter Corona-Bedingungen besonders. Das Distanzgebot, das in vielen Berufen derzeit gilt, lässt sich in der Kita und Tagespflege nicht umsetzen. Kinder brauchen Zuwendung und auch Berührungen. Trösten aus der Distanz ist nicht möglich. Darum müssen Corona-Testkapazitäten für Erzieherinnen und Erzieher zur Verfügung gestellt werden. Wenn dies für die Fußballbundesliga möglich ist, für die Menschen, die unsere Kinder betreuen hingegen nicht, dann ist das die falsche Prioritätensetzung.

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